Nichts für Elektrogriller

STAMMPLATZ Fußball-Kolumne

Artikel veröffentlicht in Aktuelles am 01.10.2018
Erstellt von Stammplatz Kommunikation

Nichts für Elektrogriller

Deine Hände sind kalt wie die berühmte Hundeschnauze, die ansonsten verbal nur dann bemüht wird, wenn der alternde Torjäger trifft. Und eigentlich ist es ja auch absolut untertrieben, denn Du kannst Deine Finger kaum bewegen, weswegen Du alle paar Minuten mit aufgepumpten Backen und etwas zu theatralisch hineinbläst – ganz so als würde das irgendetwas bringen. Handschuhe hast Du natürlich wie jedes Jahr um diese Zeit ganz absichtlich vergessen. Die sollen mal schön die ganzen Elektrogriller tragen, die dafür zwar auch warme Hände haben, aber eben ein bisschen drüber sind in einem Stadion im Oktober, wenn Frieren zur Attitüde wird.

Viel schlimmer als kalte Hände ist eh das Bier. Das nasskalte Ambiente gibt ihm einen derart schalen Geschmack, dass man den Plastikbecher gefühlt auch gleich mit Wurstwasser füllen könnte. Fußball ab Oktober fühlt sich irgendwie anders an und er schmeckt auch anders.

Klar, dass sich dann die Spreu vom Weizen trennt – auf dem Rasen genauso wie auf den Rängen. Denn während es an lauen Sommerabenden einfach ist, das neue Trikot auf der Haut spazieren zu tragen, kühle Blonde zu schrauben und sich in die Sitzschale der Wahl zu fläzen, ist das im Oktober und erst Recht im November eine echte Prüfung. Die beginnt schon auf der Fahrt zum Stadion. Du fährst los und es ist schon dunkel. Der Scheibenwischer führt hektisch seine Arbeit aus, die vielen flackernden Lichter der entgegenkommenden Autos machen schon den Weg zum tristen Stimmungskiller. Ankommen ist kein Selbstzweck. Vom Parkplatz zum Stadion legt sich Nieselregen auf Dein Gesicht, der sich langsam aber sicher mit jedem Schritt kühler anfühlt. An guten Tagen sind in solchen Fällen der Karlsruher SC oder Greuther Fürth zu Gast – an schlechten der SC Verl oder eben der TV Herkenrath. Da die guten Tage schon längst vorbei sind, nimmst Du also bereits hier den Kampf auf – gegen den Regen, gegen die Liga, gegen den Stadion-Herbst, diese oft so miese Bitch.

Alemannia war irgendwie schon immer ein bisschen besonders, wenn das Bier schal, die Hände kalt und der Nieselregen unbarmherzig waren. Die Niederlagen in dieser Zeit waren oft besonders bitter, die Siege besonders schön. Nasse Kälte kann Dich auch küssen – etwa dann, wenn die Siegtreffer fallen, während Du Deine Hände schon abgeschrieben hast. Umjubelte Tore fünf Minuten vor Schluss von längst vergessenen Kickern wie Thierry Bayock gegen Ansgar Brinkmanns Bielefeld am alten Tivoli wirst Du so schnell nicht vergessen. Eben erst Recht nicht, wenn Du kurz vor dem entscheidenden Tor noch den letzten Schluck des schalen Biers runter gequält hast und dabei nicht sicher warst, ob es wirklich eine gute Idee war, hierher zu fahren. Genau so wenig wirst Du aber auch vergessen, wie sich die Kälte potenzierte als Mannschaften wie der Hallesche FC nach Aachen kamen, um Dir und all den anderen drei Stück einzuschenken. Der Herbst kann ein Arschloch sein, wenn er Dir eine Schlussphase wie damals um die Ohren haut. Dann fühlt sich fades Bier, wie saurer Regen in Deinem Gesicht an – kalt, schädlich und einfach nur falsch.

Ich bin sehr gespannt, was der Herbst in diesem Jahr für Alemannia bereithält – Last-Minute-Siege, hässliche Schlussphasen mit erbarmungslosen Gegentoren oder triste Nullnummern in einem kaum gefüllten Stadion. Alles ist möglich, wenn die Saison auf Herbst umschaltet – in jedem Fall allerdings gibt es kalte Hände, nasskalten Nieselregen und schales Bier. Es mag bescheuert klingen: Aber ich freue mich darauf. Bring it on, you bloody Hundeschnauze.

Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker

Sascha Theisen hat viele Talente und eine große Schwäche. Seine Talente liegen unter anderen in der Beratung von Recruiting-Dienstleistern und Arbeitgebern rund um deren kommunikativen Auftritt. Seine große Schwäche spielt alle zwei Wochen am Aachener Tivoli und träumt dort mit Theisen von alten Zeiten, in denen Mario Krohm vor knarzenden Holztribünen die Maschen zerbeulte. Bevor sich Theisen mit STAMMPLATZ aufmachte, seine Ideen und Projekte selbstständig umzusetzen, war er sechs Jahre lang bei StepStone in leitenden Marketing-Positionen tätig. Niemand kann ganz genau sagen, was aus Theisen geworden wäre, hätte er ein stabileres Knie gehabt – er selbst am wenigsten.