Fritz-Moses-Ecke

STAMMPLATZ Fußball-Kolumne

Artikel veröffentlicht in Aktuelles am 15.02.2019
Erstellt von Stammplatz Kommunikation

Fritz-Moses-Ecke

„Man weiß erst zu schätzen, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat“. So oder so ähnlich könnte man es auf Kaffeetassen oder Topflappen drucken und die dann auf Trödelmärkten mit nostalgisch veranlagten Besuchern verkaufen. Ich würde glatt einen Lappen kaufen, vor allem um mir damit eine Träne um die Augenringen zu wischen, die der Jülicher Straße gilt. Denn dort, Hausnummer 136, verbrachte ich einst wilde Zeiten und es ist bis heute ein echtes akademisches Wunder, dass ich dort gar in der Lage war, ein Studium zu beenden. Der Teppich stank ab der ersten Minute der Einweihungsparty penetrant nach Bier genauso wie seitdem die Fliesen an der Wand fehlten und ein Telefonkabel etwas unmotiviert aus der Wand vor sich hin baumelte.

Die Tage in der Jülicher Straße starteten spät und endeten früh – ganz wie man es sah. In jedem Fall spielte Alemannia in der Wohngemeinschaft eine große Rolle – manche mögen sagen: neben Bier und sensationell belanglosen Dialogen, die einzige wahre. In der Küche hing ein Bild von Mario Krohm – ein Zeitungsfoto nur, da die BRAVO zu dieser Zeit auf Starschnitte von Alemannia-Spielern müde lächelnd verzichtete. An Spieltagen trafen wir uns an einer Ecke gegenüber des Kapuziner-Häuschens (nach dem Schlusspfiff nicht selten zu Sieges- und Trostfeiern genutzt), um von dort aus zu Alemannias Heimspielen zu gehen. Diese Ecke nannten wir nach dem rechten Verteidiger der Regionalliga-Aufstiegsmannschaft, so dass Verabredungen mit Sätzen wie „Um sechs an der Zimbo-Ecke“ schnell und unkompliziert abgemacht waren. Von der Jülicher Straße aus waren es etwas mehr als fünf Minuten zum Stadion – mit kurzen Trinkpausen vielleicht zehn. Gerade das ist etwas, was ich erst so richtig zu schätzen weiß, seit ich an Spieltagen gut 70 Kilometer fahren muss, um Regionalliga-Fußball gegen die Zweitvertretungen von Bundesliga-Truppen zu sehen, in denen Nasen wie Friedhelm Funkel die erste Mannschaft trainieren. In meiner Erinnerung ist ziemlich viel an der Jülicher Straße schwarz und gelb – neben der Zimbo-Ecke auch die Kiosk-Besitzerin, die mir drei Hausnummern weiter die Aachener Zeitung verkaufte, nie ohne ein kurzes Schwätzchen zur aktuellen Tabellensituation zu vergessen. Oder der allgegenwärtige Geruch von Zentis-Marmelade, der auch nur zu ertragen war, weil der Schriftzug der Nuspli-Kollegen eine Zeit lang auf den Trikots von Erwin Vanderbroek, Stephan Lämmermann oder Frank Klemmer grüßte.

Wenn ich heute mit meinen Jungs zum Tivoli fahre, führt unser Weg immer auch durch die Jülicher Straße, vorbei an Nummer 136. Und nie lassen wir diese Hausnummer links liegen, ohne dass der alte Herr noch einmal laut und deutlich darauf hinweist, dass er hier einmal wohnte. Die grauen und gewöhnungsbedürftigen Fassaden, die viel zu stark befahrene Straße und vielleicht auch das auf Kinder wahrscheinlich leicht beunruhigend wirkende Klientel der Jülicher Straße, mögen das leise Kopfschütteln des Nachwuchses erklären, die froh sind, wenn das väterliche Ritual schnell abgearbeitet ist und es endlich an die Stadionwurst im Tivoli geht.

Nun las ich vor kurzem auf der Alemannia-Webseite, dass ich nicht der einzige Alemanne der Jülicher Straße war. Denn seit kurzem regt dort ein Stein zum Stolpern an, der dem einstigen Alemannia-Spieler Fritz Moses gewidmet ist. Auf seinem Stolperstein las ich, dass er 1901 geboren wurde, 37 Jahre später sein Aachen in Richtung Holland verließ, um 1944 im berüchtigten und weit entfernten Theresienstadt ermordet zu werden. Viel mehr war leider nicht über ihn herauszufinden, wenigstens nicht in einer dieser oberflächlichen Internetrecherchen, auf die ich ob meiner kurzen Leitung beim Verfassen dieser Kolumne immer angewiesen bin. Wie andere war er in dunklen Zeiten aus dem Verein gedrängt worden, obwohl er für Alemannia spielte und kämpfte. Niemand rund um den Tivoli und rund um die Jülicher Straße sprach seinerzeit wohl groß darüber, dass Fritz Moses plötzlich nicht mehr zum Training kam, bei keinem Spiel mehr auflief und eben auch kein Tor mehr bejubelte oder gegnerische verhinderte. Als ich in dieser Woche seinen Stolperstein ansah, wurde mir plötzlich klar, dass in all den Jahren viel mehr Alemannia in der Jülicher Straße steckte, als ich selbst je geahnt und gefragt hatte. Viele der Mannschaftskameraden von Fritz Moses erlitten ein ähnliches Schicksal. Auch ihnen wurde in diesen Tagen vor ihren einstigen Wohnhäusern ein Stolperstein gewidmet – vielleicht etwas spät aber immerhin und wichtig allemal. Mir kam spontan der Gedanke, dass auch am Tivoli selbst etwas auf diese viel zu lange vergessenen Spieler hinweisen könnte – ein Stolperstein für alle vielleicht. Eine schöne Geste wäre das, eine wichtige Geste wäre das.

Wie auch immer. Sie fehlt mir die Jülicher Straße – geschwätzig, wild und voller schöner wie hässlicher Geschichten. Man weiß erst zu schätzen, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat.

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Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker

Sascha Theisen hat viele Talente und eine große Schwäche. Seine Talente liegen unter anderen in der Beratung von Recruiting-Dienstleistern und Arbeitgebern rund um deren kommunikativen Auftritt. Seine große Schwäche spielt alle zwei Wochen am Aachener Tivoli und träumt dort mit Theisen von alten Zeiten, in denen Mario Krohm vor knarzenden Holztribünen die Maschen zerbeulte. Bevor sich Theisen mit STAMMPLATZ aufmachte, seine Ideen und Projekte selbstständig umzusetzen, war er sechs Jahre lang bei StepStone in leitenden Marketing-Positionen tätig. Niemand kann ganz genau sagen, was aus Theisen geworden wäre, hätte er ein stabileres Knie gehabt – er selbst am wenigsten.