Zwanzig nach Sieben

STAMMPLATZ-Fußballkolumne

Artikel veröffentlicht in Aktuelles am 12.10.2019
Erstellt von Stammplatz Kommunikation

Zwanzig nach Sieben

Als ich zum ersten Mal vom „Tor des Monats“ hörte, war ich vielleicht acht Jahre alt. Adi Furler oder Klaus Schwarze – so genau weiß ich das nicht mehr– erzählten mir davon, an einem dieser Sonntagabende, die ich ansonsten eigentlich nicht so sehr mochte. Das Ende der Sportschau bedeutete für mich auch das Ende des Wochenendes. Denn meine Mutter, die heute ihre Enkel völlig entspannt mit Gummibärchen zum Frühstück verwöhnt, kannte seinerzeit keine Gnade, wenn es darum ging mich um zwanzig nach sieben – also direkt nach Furler und Schwarze – ins Bett zu schicken. Dort hatte ich dann immerhin die Erinnerung an die fünf Auserwählten, die die Wahl zum schönsten Tor der letzten vier Wochen unter sich ausmachten. Stundenlang träumte ich dann davon, wie es wäre, wenn ich nur ein einziges Mal im Leben so einen Fallrückzieher treffen würde, wie es Klaus Fischer Monat für Monat tat. Ich überlegte, wie es Daniel Simmes von Borussia Dortmund wohl gegangen sein musste, als er während eines Solos über mehr als 80 Meter an fünf Grätschen vorbei das Tor des Jahres 1984 schoss. Ich wünschte mir ein Schussbein wie Klaus Augenthaler eines hatte, als er den Ball von jenseits der Mittellinie in den Kasten von Uli Stein montierte als sei das das einfachste der Welt.
Gleich montags kratzte ich mein verbliebenes Taschengeld zusammen, kaufte mir fünf Postkarten auf die ich die Nummer meines Lieblingstores schrieb, um so an der Verlosung des Hauptpreises, meist zwei Karten für ein Länderspiel, teilzunehmen. Oft glaubte ich, eine meiner Karten in dem Postkarten-Berg gesehen zu haben, der dann sonntags zu Füßen Furlers oder Schwarzes lag und aus dem der Torschütze des Monats selbst den Gewinner unter allen Einsendungen zog. Ich weiß nicht, was es mir am Ende mehr bedeutet hätte, dass Klaus Fischer meine Karte einfach nur berührt hätte oder dass ich zu einem Länderspiel hätte fahren können.

Die Historie von Alemannia-Spielern beim „Tor des Monats“ ist zwar überschaubar, aber trotzdem existent: Taifur Diane als erster Alemanne überhaupt per Fallrückzieher von der Strafraumkante gegen den damals noch als selbsternannter Mythos firmierenden Verein aus Mönchengladbach. Sergio Pintos 35-Meter-Strahl gegen Paderborn. Stefan Blanks Gruß an Oliver Kahn im unsterblichen Pokal-Viertelfinale 2004. Schlaudraffs Heber für die Ewigkeit gegen Werder Bremen in diesem einen Bundesliga-Jahr, direkt im Monat danach getoppt von Reghecampfs Freistoß gegen die Bayern im zweiten Pokalstreich. Das war die bisherige Ausbeute der Alemannia soweit es das Internet recherchieren lässt. Natürlich gab es auch das ein oder andere „Tor des Monats“ gegen uns. Aber über den elenden Fernschuss Diegos hüllen wir an dieser Stelle besser mal den Mantel des Schweigens.

Umso schöner ist es da doch, wenn man, wie in diesen Tagen geschehen, erfährt, dass endlich mal wieder ein Alemanne für den begehrten Publikumspreis nominiert ist. Sebastian Schmitts Hammer gegen Lippstadt ist mit Tor Nummer 4 auf Sergio Pintos Spuren und das sehr zu Recht, wie man zugeben muss, wenn man den Fußball liebt. Zwar meine ich mich erinnern zu können, dass ich selbst solche Tore wie am Fließband schoss, als ich einst mit meinen Kumpels auf der Kölner Jahnwiese kickte. Das könnte aber auch als verklärte Wahrnehmung verbucht werden, die seinerzeit vor allem den Bierkisten zu verdanken war, die wir nach diesen Altherrenspielen gleich auf dem Parkplatz leerten.
Wie dem auch sei – Postkarten wie einst schickt man heute leider nicht mehr in Richtung Sportschau. Die Digitalisierung hat leider auch diese schöne Tradition verschlungen, wie Schlaudraff einst die Bremer Verteidiger verschlang. Keine Berge voller aufgeschütteter Teilnahmekarten mehr, aus der schließlich Sebastian Schmitt den Sieger zieht. Stattdessen nimmt man nun online teil – ein Klick auf der Sportschau-Seite, Kontaktdaten hinterlassen und schon ist der Bob in der Bahn. Das ist zwar nicht mehr ganz so romantisch wie bei Meister Schwarze, aber dafür umso einfacher. Ehrensache, dass meine Stimme schon hinterlegt ist. Und Eure?

Denn mal ganz nebenbei: Für alle, die es mit Alemannia halten, ist es die Chance auf den ersten Titel seit Reghecampf. Also auf an die Online-Wahlurne, abstimmen und dann ab ins Bett mit Euch! Ist schließlich schon zwanzig nach sieben!

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The Return of the Pokalstadt

Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker

Sascha Theisen hat viele Talente und eine große Schwäche. Seine Talente liegen unter anderen in der Beratung von Recruiting-Dienstleistern und Arbeitgebern rund um deren kommunikativen Auftritt. Seine große Schwäche spielt alle zwei Wochen am Aachener Tivoli und träumt dort mit Theisen von alten Zeiten, in denen Mario Krohm vor knarzenden Holztribünen die Maschen zerbeulte. Bevor sich Theisen mit STAMMPLATZ aufmachte, seine Ideen und Projekte selbstständig umzusetzen, war er sechs Jahre lang bei StepStone in leitenden Marketing-Positionen tätig. Niemand kann ganz genau sagen, was aus Theisen geworden wäre, hätte er ein stabileres Knie gehabt – er selbst am wenigsten.