Ein Hauch von Remscheid

STAMMPLATZ Fußball Kolumne

Artikel veröffentlicht in Aktuelles am 04.04.2018
Erstellt von Stammplatz Kommunikation

Ein Hauch von Remscheid

Als Alemannia im März 1999 zum Heimspiel gegen den Tabellenletzten FC Remscheid antrat, waren gut 3.000 Leute im Stadion. Auf dem Würselner Wall sonnten sich die Menschen in der zart aufkommenden Frühlingssonne. Dabei saßen sie auf den alten Steinstufen, ihre Wurst und ihr Bier vor sich geparkt. Im tristen Umkreis von gut vier Metern konnten sie locker das wuchernde Unkraut zupfen. Stimmung, Euphorie oder gar Aufstiegshoffnungen waren jedenfalls nirgends auszumachen – zu hoffnungslos schien die Lage für Mario Krohm, Frank Schmidt und Werner Fuchs. Heute wissen wir, dass es ganz anders kam und schauen leicht versonnen zurück auf jene Tage. Alemannia befand sich seinerzeit gut drei Monate vor einem umjubelten Aufstieg, mit Spielen in denen das Zuschauerinteresse so groß war, dass man seine Stadionwurst nur von oben nach unten essen konnte, wenn man seinem Vordermann auf dem Stehplatzbereich keine Rückennummer aus Senf auf die Jacke kleckern wollte. Aber es gehört auch zur Legende des 1999er Aufstiegs und des guten alten Tivoli, dass eben nicht immer alles so stimmungsvoll war, wie man es im Rückblick gerne hätte. Im Frühjahr 1999 war jene Stimmung jedenfalls ziemlich am Boden und der ziemlich triste Kick gegen Remscheid, der mit Ach und Krach zu einem 2:1 Sieg führte, sorgte ebenfalls nicht gerade für Aufbruchsstimmung. Wie gesagt: Das änderte sich abrupt. Schon im nächsten Heimspiel gewann der S-Block ein verregnetes Spiel und gegen Eintracht Trier die Menschen in der Stadt erwachten.

Ich musst an diese Zeit denken, als ich in der letzten Woche zum Tivoli fuhr. An dem Parkplatz, den ich seit Jahrzehnten anfahre, um dort an Spieltagen zu parken, steht längst kein Parkwächter mehr, um sich ein paar Euro dazu zu verdienen. Die Stehplätze, die einst komplett zugestellt waren, sind nun gähnend leer. Auf dem Weg zum Stadion braucht es keine Polizisten mehr, die irgendeinen Verkehr rund um die Spielstätte organisieren müssten. Gästefans sind sowieso Fehlanzeige. In den besten Fällen übersteigen sie die Anzahl des Schiedsrichtergespanns. Im Stadion selbst wird das Drehkreuz am Eingang gut 5.000 Mal gedreht – stark für einen Regionalligaverein, zu schwach allerdings, um von einer elektrisierten Stadt zu sprechen. Und hey: Genau die bräuchte es derzeit. Denn Alemannia elektrisiert zweifellos derzeit. Das Spiel in der letzten Woche bewies das eindrucksvoll. Nach einem Rückstand gegen einen Haufen hoffnungsvoller Talente, richtete sich eine Mannschaft auf, die nicht nur Spaß macht, sondern sogar richtig guten Fußball spielt. Und die Zuschauer, die da waren, zeigten sich begeistert von ihrer Aufholjagd. Nach Tobias Lippolds entscheidendem Treffer, sah ich Jubelszenen auf den spärlich besetzten Rängen, die pure Freude an dem zeigten, was Fuat Kilic und sein Team da auf den Rasen bringen.

Und doch war der Jubel vergleichsweise leise, einfach weil er nur aus rund 5.000 Kehlen kam und nicht wie es diese Mannschaft eigentlich verdient hätte, aus 30.000. Woran liegt das? Traut man dem Braten noch nicht und geht am Ende doch von der üblichen Niederlage aus, wenn es ernst wird? Ist die Leere des zu großen Stadions abschreckend und wird so zum atmosphärischen Teufelskreis? Ist das Vertrauen in den Verein einfach weg? Was auch immer es ist – der Mannschaft wird keiner dieser Gründe gerecht. Sie hat zweifellos mehr Support verdient, als viele Menschen ihr derzeit geben.

Hoffnung gibt Remscheid und die Erinnerung daran, wie es damals vor 19 Jahren war, als man Unkraut im Stadion zupfen konnte. In dieser Woche kommt zuerst eine Mannschaft namens Erndtebrück an den Tivoli. Es ist nicht zu erwarten, dass das Drehkreuz am Eingang zum Propeller wird und doch könnte der Kick zur Initialzündung werden. Denn es ist ein Spiel, in dem auf einmal auch die Stadiondurchsage mit Zwischenständen von den anderen Plätzen zumindest nicht uninteressant wird. Wann hatten wir das zum letzten Mal? Und: Nur drei Tage später kommt der Tabellenführer nach Aachen. Man braucht keinen Texas Instrument, um auszurechnen, was zwei Siege bedeuten könnten.

Man kann ihn deutlich spüren, diesen Hauch von Remscheid in der Luft. Es ist März – noch drei Monate zu einer Rückennummer aus Senf. Come on Aachen, gehen wir es an.

(Diese Kolumne erschien im „Tivoli Echo“ am 31. März 2018 anläßlich des Heimspiels gegen den KFC Uerdingen)

Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker

Sascha Theisen hat viele Talente und eine große Schwäche. Seine Talente liegen unter anderen in der Beratung von Recruiting-Dienstleistern und Arbeitgebern rund um deren kommunikativen Auftritt. Seine große Schwäche spielt alle zwei Wochen am Aachener Tivoli und träumt dort mit Theisen von alten Zeiten, in denen Mario Krohm vor knarzenden Holztribünen die Maschen zerbeulte. Bevor sich Theisen mit STAMMPLATZ aufmachte, seine Ideen und Projekte selbstständig umzusetzen, war er sechs Jahre lang bei StepStone in leitenden Marketing-Positionen tätig. Niemand kann ganz genau sagen, was aus Theisen geworden wäre, hätte er ein stabileres Knie gehabt – er selbst am wenigsten.