Stufen für die Ewigkeit

STAMMPLATZ Fußball Kolumne

Artikel veröffentlicht in Aktuelles am 02.09.2017
Erstellt von Stammplatz Kommunikation

Stufen für die Ewigkeit

An einem der besten Abende verlor ich meine Lederjacke – nicht irgendeine, sondern die Lederjacke. Die Lederjacke, die mich vorher durch so viele Jahre enttäuschter Lieben, großer Freundschaften und wilder Eskapaden gebracht hatte – eine der Jacken, die man im Grunde nur ein Mal im Leben besitzt. Eigentlich verlor ich sie auch nicht an diesem Abend. Ich besitze sie immer noch, aber sie verlor damals ihren unbesiegbaren Charme. Sie war hinüber nach diesem Spiel gegen den Karlsruher SC, bei dem der Regen einfach nicht damit aufgehört hatte beständig und unnachgiebig auf sie einzuprasseln. Und doch war es einer der besten Abende.

Es war ein Freitag Abend. Natürlich war es ein Freitag Abend. Und er begann am Aufgang hoch zum Würselner Wall. Nachdem wir kurz zuvor erfolgreich den eigentlich längst fälligen Hexenschuss am niedrigen Kassenhäuschen verhindert hatten, ließen wir ihn zunächst links liegen, um uns eine Stadionwurst zu besorgen. Dazu drängten wir undiszipliniert an die Wurstbude ohne uns an irgendeine Schlange anzustellen. Es galt das alte aber funktionierende Prinzip, nachdem derjenige die nächste Wurst bekommt, der am lautesten ruft ohne dabei unverschämt zu wirken. Zwei Brat- und eine Bockwurst – das Essen für die bevorstehenden 90 Minuten lag schnell und gut in der Hand. Dazu einen Schlag Senf und vom Stand nebenan einen Becher Bier, es konnte losgehen. Derart bepackt ging es zum ersten heiligen Akt des Abends, wenn die Wurst nicht schon längst heilig war. Wir bestiegen den Aufgang zum Stadion. Und jedes Mal wenn wir das taten, war es ein neues, ein sinnliches Abenteuer. Wir eroberten den Platz und das Stadion mit jedem Schritt ein bisschen mehr, bis er sich dann endlich komplett und in voller Pracht vor uns auftat – eines der schönsten Panoramen an die ich mich im Leben erinnere. Und dieser Blick war letzten Endes nur deshalb so edel, weil er sich eben so langsam aufbaute. In diesen Tagen sah ich im Netz das Video eines Vaters, der seinem Sohn bei dessen erstem Stadionbesuch die Augen zuhielt und ihm erst dann seinen ersten Blick in „sein neues Zu Hause“ schenkte, als sie an ihrem Platz ankamen. Eine durchaus gute und wie sich an dem glücklichen Gesicht des Jungen zeigte, gelungene Idee – allerdings am Tivoli gar nicht notwendig, weil es dort den Wall gab, der Dich mit jeder Stufe ein bisschen mehr wach küsste.

An besagtem Freitag eroberten wir den Tivoli in strömenden Regen und in strömenden Regen gingen wir auch wieder die Stufen hinab. Selten waren wir glücklicher. Alemannia hatte an diesem nassen aber warmen August Abend gegen den KSC 4:0 gewonnen. Im Mittelfeld kündigte der junge Simon Rolfes von großen Zeiten. Im Sturm spielte Kai Michalke die vielleicht einzige überragende Saison seines Lebens, die ihm heute über Nacht einen Marktwert von 30 Millionen Euro einbringen würde und im Sturm kam für die letzte Viertelstunde ein heißes Versprechen namens Chris Iwelumo in die Partie. Viel mehr ging einfach nicht an diesem Abend, der wie so viele am Aufgang zum Wall begonnen hatte.

Nur ein paar Jahre später wurde das wohl wundervollste Stadion, in das man gehen konnte, abgerissen. Es begann mit einem ersten Bagger-Hieb des Oberbürgermeisters und ging danach ganz schnell. An seine Stelle traten Wohnhäuser, Spielstraßen und Vorgärten – ein Verbrechen am Fußball, wie er einmal war. Einzig der Aufgang zum Würselner Wall überlebte und fristet seitdem ein Dasein kontinuierlichen Verfalls. Trotzdem hält er bis heute Stand. Nun aber soll auch sein letztes Stündlein schlagen. Auch er soll zu Bauland werden und endgültig Platz machen. Das letzte Relikt einer großen Aachener Fußballepoche scheint es auszuhauchen, endgültig.

Nun las ich dieser Tage, dass sich ein paar Alemannen aufmachen, ihn doch noch zu retten. Schon immer hatte es mich geärgert, dass weder ich noch irgendein anderer Fan wirklich um das alte Stadion gekämpft hatte. Nun aber kämpfen wenigstens ein paar von ihnen für den Erhalt des letzten Stücks ihrer alten Heimat und rufen den Aufgang ins Nichts zum Denkmal aus. Was für eine wunderbare Idee, bei der einige Menschen, die einst dem Bagger die Hand führten, einiges gut machen können.

Am besten Abend an diesem Denkmal verlor ich meine Lederjacke und der junge Simon Rolfes stürmte mit dem Ball am Außenrist durch das Mittelfeld und war durch nichts und niemanden aufzuhalten. Vielleicht eine der schönsten Erinnerungen an ein Spiel, das heute so leider nicht mehr gespielt wird. Das einzige, was heute noch an diesen Abend erinnert, sind die Stufen hoch zum Stadion. Alles andere gibt es nicht mehr – keinen Tivoli, keine Lederjacke, keinen Rolfes und auch keine Wurstbude mehr. Nur der Regen erinnert mich manchmal noch an die Abende, die mehr waren als der Rahmen für ein Spiel. Vielleicht zeigt jemand ein Herz und schafft ein Denkmal für die Ewigkeit. Ich würde zur Einweihung kommen – wahrscheinlich in einer alten Lederjacke.

Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker

Sascha Theisen hat viele Talente und eine große Schwäche. Seine Talente liegen unter anderen in der Beratung von Recruiting-Dienstleistern und Arbeitgebern rund um deren kommunikativen Auftritt. Seine große Schwäche spielt alle zwei Wochen am Aachener Tivoli und träumt dort mit Theisen von alten Zeiten, in denen Mario Krohm vor knarzenden Holztribünen die Maschen zerbeulte. Bevor sich Theisen mit STAMMPLATZ aufmachte, seine Ideen und Projekte selbstständig umzusetzen, war er sechs Jahre lang bei StepStone in leitenden Marketing-Positionen tätig. Niemand kann ganz genau sagen, was aus Theisen geworden wäre, hätte er ein stabileres Knie gehabt – er selbst am wenigsten.